Das Märchen im Rahmen der Volksbildung

Titelvollanzeige

Autor/in:

Polsterer, Susanne

Titel: Das Märchen im Rahmen der Volksbildung
Jahr: 1947
Quelle:

Volksbildung im demokratischen Wien. 50 Jahre Wiener Urania 1897-1947, Wien 1947, S. 41-42.

[S. 41] Die Urania-Märchenstunden mögen nicht als einfache, planlose Märchenlesungen aufgefaßt werden, die unseren Kleinen nur eine Belustigung sein sollen. Unsere Märchenstunden verfolgen neben diesem auf das rein Unterhaltliche abzielenden Zweck, Wege, die durch die verschiedensten Gebiete führend, zu einer Einheit genommen, als letztes Endziel das langsame und planmäßige Vertrautmachen unserer Kleinen und Kleinsten mit der Kunst haben.

Das gesprochene Wort, das gerade, um die Aufmerksamkeit der Kinder für die Dauer eines ganzen Märchens ungeschwächt zu behalten, besonders eindrucksvoll und abwechslungsreich gestaltet werden muß, erfährt durch die Koppelung mit illustrierenden Farblichtbildern eine weitgehende Unterstützung. Die Farblichtbilder wieder bieten den Kindern eine angenehme und unterhaltliche Erleichterung für das Aufnehmen des Inhalts und regen die Phantasie der Kleinen über das bloße Betrachten der Bilder zur Bilddeutung an.

Bei der Wahl der Märchen muß mit besonderer Liebe und Sorgfalt ans Werk gegangen werden, da wir die Verantwortung für die von den Märchen gemachten Eindrücke auf das kindliche Gemüt tragen, das in diesem Lebensalter besonders aufnahmebereit ist und das Erlebte auf lange Dauer behält.

Auf die Tatsachen der erhöhten Beeindruckbarkeit und der lange andauernden Beschäftigung mit dem Gehörten stützen wir uns, wenn wir neben den traditionellen Märchenstoffen, die die Kinder mit dem alten Sagengut des Volksschatzes bekannt machen sollen, eine völlig neue Gattung des Märchens aufgegriffen haben: das Märchen mit erzieherischer Tendenz.

[S. 42] ln kindertümliche Stoffe gekleidet, deren Gestaltung tiefste Einfühlung in die kindliche Welt fordert, bringen wir die Probleme des Lebens an die Kleinen heran und überlassen ihnen durch geschickt geführte Fragestellung selbst die Entscheidung.

Hier ist die Verbindung zwischen Kunsterziehung, Sprache und Bild, und der Erziehung zum selbständigen Denken und Urteilen in unauffälliger Art geschaffen. Die Begriffe „gut“ und „böse“ werden an die Kleinen im Gewand ihrer kindlichen Sphäre herangebracht und ihr sittliches Empfinden auf diese Weise angerufen.

Unsere Urania-Märchenstunden können mit bestem Rechte als Volksbildung angesprochen werden, da wir erzieherische Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes leisten, wenn wir diesen kleinsten Hörern in liebevoller Art die ersten Ansätze zum Verständnis der Problematik des Lebens weisen und sie die ersten Schritte auf dem Wege des Kunstverstehens führen.

(Wortwahl, Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen dem Original. In eckigen Klammern steht die Zahl der jeweiligen Seite des Originaltextes.)

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